Casa di Giulietta
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Haus der Julia

Das weiß wirklich jeder: Das Haus der Julia ist der berühmteste Ort in ganz Verona! Millionen von Liebespärchen eilen herbei, um sich an den Wänden zu verewigen oder einen Zettel in einem speziellen Briefkasten links vom Bogen zu hinterlassen. Diese Zettel erlangten eine derartige Berühmtheit, dass die Handlung des Films “Briefe an Julia” auf einem davon beruht.

Lohnt es sich, in diesen Hof zu eilen? Kommt auf Ihre Erwartungen an. Wenn Sie nach der authentischen Residenz der Familie Capulet Ausschau halten, elegant und romantisch, wie in den Illustrationen für “Romeo und Julia” oder in den Filmen, werden Sie enttäuscht sein. In diesem Innenhof gibt es nur noch sehr wenig Authentisches, obwohl das Gebäude selbst im 13. Jh. erbaut wurde. Die ursprüngliche Form dieses Turmhauses hat sich jedoch verzerrt, als zu hohe Gebäude verboten wurden und ein paar Stockwerke abgebaut werden mussten.

Schauen wir aber aus einem anderen Blickwinkel: Was kann man machen, wenn jeder etwas sehen möchte, das es nicht gibt? Dann muss dieses “etwas” geschaffen werden! Zu Beginn des 18. Jh. schritten die Veroneser zur Tat. Eine gewisse Familie Cappelletti (wie dieser Familienname ursprünglich klang) lebte tatsächlich in Verona und beteiligte sich an der lokalen Politik.

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Der Ort, an dem sie angeblich lebten, wurde anhand des Objekts bestimmt, das unter dem inneren Bogen geschnitzt war. “Hut” ist im Italienischen “Cappello”, daher kann dieses Basrelief theoretisch als Wappen der Familie Julias durchgehen. Aber in Wirklichkeit war es das Schild eines Hotels, das sich in diesem Haus befand und sehr gewöhnlich aussah.

Jahr für Jahr kamen Touristen hierher, darunter auch berühmte und einflussreiche wie Dickens oder Goethe, und manche beschwerten sich: Verona ist natürlich eine wunderschöne Stadt, aber Julias Haus ist irgendwie unansehnlich! Es gab nur einen Ausweg: den tatsächlichen Hof mit seinem literarischen und künstlerischen Image in Einklang zu bringen.

Die Gemeinde handelte Schritt für Schritt. 1905 wurde das Gebäude von privaten Eigentümern gekauft und in ein Museum umgewandelt. Dann begann man, es in Mittelaltermanier zu dekorieren: Rechteckige Türen wurden zu Lanzettentüren, ein rundes Fenster im gotischen Stil entstand wie aus dem Nichts. Dies ist einer dieser seltenen Fälle, wo man altern muss, um schöner zu werden! Das war jedoch nicht genug: Das Publikum sehnte sich nach einem Balkon! Und ein Balkon wurde angebaut – ein authentisch antiker, kein banales Remake. Er überlebte, nachdem Ende des 19. Jh. im Rahmen des Hochwasserschutzes die Häuser entlang des Flusses abgerissen wurden. Die sparsamen Veroneser, die gezwungen waren, schöne, alte Gebäude mit eigenen Händen zu zerstören, retteten zumindest Fresken und architektonische Details.

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Auf diesem Foto sehen Sie ein ganzes Lagerhaus solcher “Ersatzteile” im Innenhof des Schlosses Castelvecchio. Unter anderem sieht man dort genau diesen Balkon, der 1937 seinen heutigen Platz einnahm. Was veranlasste den Direktor der Museen in Verona, Antonio Avena zu diesem mutigen Schritt? Mal wieder die Kunst: 1936 erschien der erste Film über Romeo und Julia und die Geschichte wurde sogar demjenigen Teil der Publikums bekannt, der noch nie im Theater war.

Der Raum um den Balkon musste entsprechend der Filmkulisse hergerichtet werden, an den Wänden wurden Zinnen angebaut, das Museum wurde mit Fresken aus anderen Häusern dekoriert usw.

Aber die Touristen blieben auch dann unzufrieden. Um auf den Balkon zu gelangen, musste man den Museumseintritt bezahlen, warten, bis man an der Reihe war... Konnte man es nicht irgendwie vereinfachen? Abermals mussten die städtischen Behörden den Wünschen der Urlauber nachkommen.

1972 wurde im Hof eine Bronzestatue von Julia aufgestellt. Sie erfreute sich sofort großer Beliebtheit und von ihr wurden zwei Kopien angefertigt, die nach München und Chicago gingen. Und jeder Gast wollte mit der Julia in Verona auf Tuchfühlung gehen und Fotos machen. All diese Umarmungen haben ihre verheerenden Spuren hinterlassen. Von Jahr zu Jahr wurde die aufpolierte Bronze dünner, und 2014 traten schließlich Löcher in Julias linker Brust auf, weil die Statue innen hohl war.

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Die löchrige Julia wurde in die Museumshalle in Rente versetzt, und Sie können sie besuchen, ohne hineinzugehen – schauen Sie einfach durch das Fenster. Während des Transports stellte sich heraus, dass die Liebenden durch das Loch in der Brust Zettel und sogar Schlüssel von den Schlössern, die auf Hofgittern angebracht wurden, hineinwarfen. Auf den frei gewordenen Sockel wurde die zweite Julia gehievt, hergestellt nach einem Silikonguss der ersten Statue unter Anleitung eines Bildhauers, eines ehemaligen Schülers des Autors der ersten Julia. Natürlich musste sie sofort “altern” und ihre Brust und Unterarm wurden glanzpoliert, damit alles dem gewohnten Bild entsprach.

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Nicht nur Julia litt unter der übermäßigen Aufmerksamkeit der Touristen. Viele Jahre lang waren die Bögen und Wände in der kleinen Gasse, die zu Julias Haus führte, mit einer dichten Schicht von Inschriften, Notizen, Fotos, Stickern, Kaugummis, Klebezetteln und sonstigen irgendwie beschreibbaren Materialien bedeckt. Jeder wollte seine Spuren hinterlassen. Touristen bildeten ganze Pyramiden, bloß um auf einer höher gelegenen Stelle, fast unter der Decke zu unterschreiben. Der Wachmann, der sie dingfest machen und Bußgelder verteilen sollte, war mit dieser Touristenmenge eindeutig überfordert.

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Im Herbst 2019 änderte sich die Situation radikal: Restauratoren kamen und säuberten nicht nur einen Teil der Gasse wie zuvor.

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Sie kratzten alles ab, was die Touristen festgeklebt hatten, wuschen den Marmor blitzblank sauber und verputzten die Wände neu mit einer Drohung: Wer die Wände beschmutzt, wird mit einem Jahr Gefängnis oder einer Geldstrafe von 3.000 Euro bestraft! Glauben Sie, dass es ausreicht, um die Wände sauber zu halten?